was lange währt…
8. Januar 2015
Herr Nilsson
1. November 2016

alte Dame

Kürzlich bin ich durch Zufall in ein kleines Abenteuer gerutscht, das sich zu einem tollen Projekt entwickelt und somit große Freude bereitet hat…

Angefangen hat alles mit einem Gedanken. Aktuell sind wir dabei, ein Haus von Grund auf zu sanieren. Mit auf dem Grundstück befindet sich mein neues banam Art Studio. Eine etwas zu groß geratene Garage, die ich nach und nach umbauen bzw. einrichten werde.

Angrenzend zum Grundstück verläuft ein kleiner Fußweg den einige Dorfbewohner benutzen, um zum Bahnhof zu gelangen, der ca. 3-5 Gehminuten entfernt liegt. So kam mir die Idee, (eigentlich irgendwann dann mal…) eine alte Uhr zu besorgen, die diesen Menschen noch ein kurzes Zeit-Update bietet, ohne das Handy hastig aus der Hosentasche ziehen zu müssen. Einen perfekten und geeigneten Platz zum anbringen hierfür hatte ich auch ebenso im Kopf. An der Außenwand des Studios, Richtung Haus hin wachsen zwei schon ältere (Vermutung wegen der entsprechenden Dicke des Stamms)  Kletterrosen zum Dach hinauf. Hier eine entsprechend schöne, alte Bahnhofsuhr dazwischen würde sicher ein sehr schönes und malerisches Bild ergeben.

Also habe ich mich in den Tiefen des Internets auf die Suche begeben. Da ich die Uhr eigentlich, was Form und Größe angeht, nahezu final im Kopf hatte, hat sich die Suche entsprechend aufwendig gestaltet. Es gibt sehr viele, schwer zu identifizierbare Repliken, die zwar optisch schön aussehen, am Ende aber entweder komplett aus Plastik bestehen oder halt nur einen kleinen Durchmesser von max. 25 cm aufweisen. Das war alles nichts. Bis ich, nach gefühlten Wochen, auf eine Uhr gestoßen war, in die ich mich auf den ersten Blick verliebt habe. Eine wunderschöne alte Dame. Optisch etwas mitgenommen aber vom Gefühl her schon irgendwie wieder schönmachbar. Oder war das eher der Wille der mir das eingeredet hat?
Aber, wie so oft bei den Dingen die man sich zufällig ausgeschaut hat… viel zu teuer. Also habe ich das akzeptiert und die Auktion auf „Beobachten“ gelassen. Ich war wohl auch nicht der Einzige der so empfand und so ging die Auktion kauflos zu Ende. Der Anbieter stellte die Uhr direkt, zum gleichen Preis wieder online. Wirklich nur aus pädagogischen Gründen hatte ich beschlossen, dem Anbieter ein Gegenangebot zu machen um ihn preislich eine Richtung zu geben, an der er sich orientieren sollte wenn er die Uhr wirklich verkaufen möchte. Und so ist mir kurz schlecht geworden als die Mail mit der Bestätigung kam, dass ich soeben eine alte Bahnhofsuhr erworben habe.

Nach kurzer Erholung vom Schock hab ich dann erst mal im Internet recherchiert was ich hier eigentlich ersteigert habe?! Es handelt sich um eine Uhr der Marke TN. Mehr Hintergrund zur Firmengeschichte kann man auf der Homepage mit dem Titel „Elektrouhren – Turmuhren Sammlerseite“ nachlesen (Link öffnet sich in neuer Seite)

Am nächsten Tag schon habe mich ins Auto gesetzt und bin nach 1,5 Stunden fahrt endlich am Ziel angekommen. Da meine Tochter mit gefahren war und mir auf der Fahrt demonstrierte, wie sie rückwärts von 100 bis 0 zählen kann, war die Fahrt entsprechend kurzweilig. Und da das Dorf, in dem wir gelandet waren, sehr urig und schön aussah, hat es sich (nach zusätzlicher Untermalung mit französischer Musik bei der Fahrt: Spotify -> Suche -> „französische Musik“) ein wenig wie Urlaub angefühlt. Sogar der Dialekt der Dorfbewohner hat sich bereits anders angehört. Diese Stimmung haben wir dann in einem kleinen Café bei heißer Schokolade und Schweinsohren genossen.
Die Frau, die mir die Uhr verkauft hat war übrigens sichtlich betrübt, dass sie die alte Dame hergeben musste und das tat mir dann echt auch ein wenig leid.
Aber mit der Uhr, die gerade so in den Kofferraum gepasst hat, sind wir anschließend natürlich trotzdem sehr happy nach Hause gefahren.

 

Zuhause angekommen hieß es erst mal Putzlappen und Schraubenzieher an den Start bringen. Der erste Blick ins Innere gab mir gleich mal ein gutes Gefühl, da ich „2“ Uhrwerke zählen konnte. Allerdings waren die Kabel dorthin abgeknipst. Aber mehr dazu später. Ein verkabelter Leuchtstoffröhrenring der offensichtlich komplett vorhanden war, machte mir Hoffnung das was passieren würde, wenn ich das aus dem Wandarm rausragende Kabel einstecken würde. Und es passierte auch was… allerdings nicht an der Uhr sondern an der Steckdose! Der Stecker fing an zu funken und zu qualmen. Folgend ein kurzer Schock und die klassischen Beruhigungsgedanken „zum Glück ist nicht mehr passiert mensch, ein Stromschlag oder Feuer oder so..!“. Folgt ergab sich automatisch die Entscheidung, den ganzen alten Scheiß an Leuchtmittel auszubauen und die alte Dame zukünftig mit einem stromsparenden und deutlich ungefährlicherem LED Band auszustatten.

Die Ziffernblätter und das Marken Logo waren teilweise kaum noch sichtbar. Ich habe mir alle Maße genommen, jeden Strich und Logos rekonstruiert und mit dem Schneideplotter neu rausgelassen.

 

Bei der Restauration habe ich doch festgestellt, dass es von Vorteil ist, wenn man bei so einem Projekt viel Geduld mitbringt und sorgfältig und bedacht ran geht. Das hat mich ein paar Abende gekostet, den alten, schwarzen Ziffernblatt-Druck mit einem Skalpell Millimeter für Millimeter abzukratzen. Aber die Mühe hat sich gelohnt. Die Plotterkleber haben perfekt gepasst.

So weit so gut. Die Uhr sieht nun also richtig geil aus! Und ich hatte schon dem Gott und der Welt Fotos gesendet, weil ich natürlich unglaublich stolz war. Es gab nur noch einen Haken… ich wusste immer noch nicht, ob die 2 Uhrwerke im Inneren der Uhr überhaupt funktionieren?! Letztendlich bin ich am Ende in einem Online-Forum leidenschaftlicher Uhrentüftler doch tatsächlich fündig geworden. Ich bin ja davon ausgegangen, dass mir lediglich die Info der Spannung fehlt, also wieviel Saft ich in die Uhr rein jagen muss soll darf. Die Antwort war ernüchternd und irritierend zugleich. In dieser Uhr befinden sich 2 Nebenuhren die von einer sogenannten „Mutteruhr“ angesteuert werden müssen, damit diese überhaupt funktionieren… Nach darauf folgender Suche habe ich leider feststellen müssen, dass eine entsprechende Mutteruhr ab ca. 250,- € aufwärts kostet. Das war ein herber Rückschlag…

Der Oberhammer bzw. nächste, glückliche Zufall ließ aber nicht lange auf sich warten. Ich habe Jemanden gefunden, der selber Nebenuhrensteuerungen herstellt, bzw. eher ein Mutteruhrensimulationsgerät. Mit dem Lötkolben an der Hand und offensichtlich gewaltigem Know How. Der Vorteil: Die Uhr steuert beide Nebenuhren, wird zudem zur Funkuhr, die sich auch nach Stromausfall selber nach stellt und kostet bei Weitem aber keine 250,- €! Von genau diesem Tüftler erhielt ich auch den Tip, mal mit einem 12 V Netzteil jeweils die abgeknapsten  Kabel der Nebenuhren zu berühren… und siehe da (mit Hilfe eines 12 V Netzteils eines Keyboards als Stromgeber…), die Zeiger bewegten sich.

Sofort bestellt, und der Postmann stand zeitnah vor der Tür. Ich habe mir einen Abend frei gehalten und extra Bier eingekühlt, um einen evtl. Erfolg entsprechend feiern zu können. Uhr geöffnet, alte Kabel entfernt, neue Kabel sorgfältig angeschlossen und dann kam auch schon der Moment, in dem ich den Stecker in die Steckdose gesteckt habe. Ich war so unglaublich aufgeregt… und dann ging es los… die alte Dame fing an Ihre Minutenzeiger zu bewegen, synchron, *klack*, *klack*, *klack*, *klack*, immer mit kurzer Unterbrechung… sie war bereits dabei sich zu stellen. Und als die Zeit sich der meiner Handyuhr näherte war die Spannung kaum auszuhalten. Auf die Minute genau blieben die Zeiger stehen. Unfassbar, unglaublich! Ich weiß nicht wann ich mich das letzte mal so sehr gefreut habe.

Das war wirklich ein Projekt dass so sehr von schlechtem Gewissen und Unklarheit geprägt war, dass es am Ende für mich persönlich nun eine kleine Sensation ist. Die alte Dame ist zum Leben erwacht. Und sie weiß Bescheid! Und wird diese Info immer und für Jeden Preis geben…

Ich freue mich sehr auf den Tag, an dem die Uhr am Studio ihre ersten Minuten anschlägt. Das wird ein toller Moment werden!

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